Innenansicht, Atelier Tilo Schulz. Foto: Stephan Lucius Lemke

Provinz oder Metropole?

Künstler:innen, die sich entschließen, aufs Land zu ziehen, droht berufliche Erfolglosigkeit, heißt es. Ist das tatsächlich so? Auch heute noch, trotz hoher Mobilität und schneller Kommunikation? Die Überzeugung, dass es die Metropolen dieser Welt sind, in denen sich Künstler:innen dank der Möglichkeiten der Vermarktung und Vernetzung einen Namen machen können, ist immer noch weit verbreitet. Hingegen bietet die Provinz mit ihrer Abgeschiedenheit ausgezeichnete Voraussetzungen für Konzentration und Selbstfindung.
Provinz oder Metropole? on art Magazine hat den Konzept- und Performancekünstler Tilo Schulz besucht, der mit seiner Frau in dem kleinen Ort Schönermark mitten in der Uckermark lebt.

“Ich kann nicht in Grenzen denken, sondern in Möglichkeiten”

Zu Besuch bei Tilo Schulz in der Uckermark

Es war im Jahr 2015, als der Künstler Tilo Schulz und seine Frau Sarah Johann, die Taschendesignerin ist und ihr eigenes Label führt, erstmals von Berlin in das Dorf Schönermark in der Uckermark fuhren. Ein Freund von ihnen hatte dort gerade ein Haus gekauft, ein Bekannter, ein Kunstsammler, war schon einige Zeit zuvor aus Berlin herausgezogen in diesen kleinen Ort, der von weitläufigen Wiesen und Windrädern gesäumt wird. Das um 1860 aus Backstein gemauerte und zwischenzeitlich baufällige Haus, das zu diesem Zeitpunkt in der Nachbarschaft zum Verkauf angeboten wurde und das sich das Paar im Rahmen ihres Ausflugs anschaute, hinterließ nicht unmittelbar den Wunsch, es besitzen zu wollen. Aber das Grün des Grundstücks, das sich hinter dem alten Dorfhaus über endlose Wiesenfläche und Obstbäume hinaus erstreckte, ließ die beiden nicht mehr los. 2017 dann entschlossen Schulz und Johann sich dazu, das kleine Haus in der Uckermark zu kaufen. Durch die Bewilligung einer Förderung konnten sie das Haus wieder zum Leben erwecken, die ursprüngliche Bausubstanz erhalten und diesen Ort zu ihrem Arbeits- und Lebensraum werden lassen. “Mir war nicht bewusst, wieviel körperliche Arbeit mich über Jahre hinweg erwarten würde, um dieses Haus mit den eigenen Händen und der Unterstützung anderer zu sanieren”, so Schulz. “Doch wären wir in Berlin geblieben, hätte sich unsere Situation etwa aufgrund steigender Mieten und dem Wegbrechen von Atelierräumen durch Gentrifizierung immer mehr verschlechtert, nicht verbessert. Nun haben wir ein Haus, das Sarahs Werkstatt und Studio und mein Atelier in sich birgt – ein gesicherter Platz, der mit jeder Pflanzung im Garten wächst.”

Es ist ein sonniger Morgen im frühen Herbst, an dem ich Tilo Schulz in Schönermark an dem an einer Ausfallstraße gelegenen Haus treffe. Dort erzählt er mir von dem Entschluss, aufs Land zu ziehen, von den Umbauten des Gebäudes und den Möglichkeiten, die sich hier durch ein dem Haus zugehöriges Nebengebäude andeuten. Vorbei an einer hinter dem Haupthaus gelegenen Feldstein-Ruine, mit frisch aufgegossenem Tee der Zitronenmelisse aus dem Garten auf dem Tablett, setzen wir uns nahe des alten Kirschbaums ins Freie. Der Blick führt ins Weite eines Horizonts, an dem Kraniche vorbeiziehen, während er mir erzählt: “Ich bin 1972 in Leipzig geboren und aufgewachsen und habe dort begonnen, meine Kunst zu produzieren. Mich haben die Diskussionen vieler Orte und Zusammenhänge geprägt. Das ist zum Großteil auch jetzt noch so.”

Von der Kunst des Ringens zur Bildenden Kunst

Es waren die mit der Wende 1989 einhergehenden gesellschaftspolitischen und persönlichen Veränderungen, die Tilo Schulz als Autodidakt zur Kunst brachten. Im Rahmen seiner ersten Ausstellung in einer psychosozialen Tagesstätte in Leipzig lernte Schulz zufällig den Künstler Olaf Nicolai kennen, durch den sich zunächst weitere Ausstellungsmöglichkeiten ergaben und dessen Auffassung eines erweiterten Kunstbegriffs Schulz grundlegend geprägt hat. Wenige Zeit später erhielt er als jüngster beteiligter Künstler bei der vom Künstlerbund Dresden organisierten Ausstellung abstrakt einen mit 30.000 DM dotierten Förderpreis. Es war für ihn klar, dass er das Geld in das Herausbilden seiner künstlerischen Sprache investierten wollte. Schulz arbeitete zu dieser Zeit mit lackierten Farbtafeln, anhand derer er das feststehende Tafelbild in einer frei kombinierbaren Weise behandelte, etwa die Farbtafeln als serielle Felder an der Wand oder als Skulptur im Raum zusammenfügte. Formenmalerei nannte er das. Indem er die Bezugspunkte durch einen wechselnden Umgang mit den Bildelementen im Ausstellungsraum änderte und somit der Standortwechsel aktiver Teil des Betrachtungsprozesses war, evozierte er einen fluiden Perspektivwechsel im Wahrnehmen seiner Kunst.

“Ich war auf der Suche nach einer Sprache”, sagt Tilo Schulz. Aus einer Sprachlosigkeit, die aus den Veränderungen der Wendezeit für ihn hervorging, wurde die Bildende Kunst die erste Sprache. Das Kuratieren, das er kurze Zeit darauf aufnahm, aber damals noch (wie heute) im Sinne eines Zusammenbringens von Menschen und Dingen auffasst(e), die zweite. Später kam das Schreiben und die Arbeit am Text innerhalb seines Werks hinzu. Tilo Schulz’ Kunst bedient nicht die Anforderung eines Wiedererkennungswertes – seine Methoden stehen mit dem in Verbindung, was er inhaltlich bearbeiten möchte: “Ich gehe vom Problem aus und suche dafür eine Lösung. Das kann eine Zeichnung, eine Malerei, eine skulpturale Arbeit, ein Vortrag oder eine Kooperation mit jemandem sein. Oft entwickele ich Arbeiten für spezifische Situationen. Ich denke, dass ich noch heute auf der Suche nach Sprache bin und deshalb immer wieder versuche, andere Ansätze für meine Arbeit zu wählen, die sich dadurch kontinuierlich verändert.” Dabei ist der Künstler Tilo Schulz mit seiner reflexiven Haltung gegenüber seiner eigenen Kunstproduktion und dem Kuratieren von Werken anderer Künstler:innen in Rückkopplung an seine Tätigkeit als Übungsleiter in der Sportart des Ringens zu sehen, der er bereits als Jugendlicher nachging. “Im Ringen geht es um das Miteinander. Im Miteinanderagieren der Körper entstehen beim Ringen architektonische Figuren, Formen. Ich gehe mit einem Bewusstsein in die Kunst, dass wir nur etwas erreichen können, wenn wir in Interaktion miteinander sind.”

Detailansicht Tilo Schulz, your blinds don’t keep me from, 2022, MDF, Tusche, Acrylfarbe. Courtesy: the artist. Fotos: Denis Bury / Museum Morsbroich. Mit den Einschreibungen von Christian Jacobs, demontiert und neu installiert.
Detailansicht Tilo Schulz, your blinds don’t keep me from, 2022, MDF, Tusche, Acrylfarbe. Courtesy: the artist. Fotos: Denis Bury / Museum Morsbroich. Mit den Einschreibungen von Christian Jacobs, demontiert und neu installiert.

Etwa, indem Schulz bei kuratierten Projekten bestrebt ist, individuelle Qualitäten einer Arbeit herauszubringen, sie aber auch im Kontext mit anderen zusammenwirken zu lassen. Oder, indem er seine eigenen Werke in einen Dialog mit solchen von anderen Künstler:innen treten lässt – wie bei seiner Arbeit your blinds don’t keep me from, die er 2022/23 im Rahmen des Langzeitprojektes Werkstatt Morsbroich (2022-2026) im Museum Morsbroich in Leverkusen umgesetzt hat, wo er noch am Vortag unseres Gespräches gewesen war. Dort hat Tilo Schulz eine Barriere im Obergeschoss des Museums errichtet, die sich über mehrere Ausstellungsräume erstreckt und die sich durch die Intervention weiterer Künstler:innen modifizierte. Die vielzähligen Körper der mit schwarzer Tusche umfassten Skulptur, die die Basis des Werks bilden, hat Schulz in Schönermark in seinem Atelier gebaut. Es ist eine Vorstudie zu seinem bis zum Ende der Werkstatt Morsbroich zu realisierenden Vorhaben für das Museum Morsbroich: die Umgestaltung des Hofes und des Gartens der historischen Schlossanlage.

Ein Ort für künstlerische und gesellschaftliche Fragestellungen

“Ich habe immer noch einen Berliner Galeristen im Kopf, der sagte: ‘Was, du ziehst aufs Land? Bitte mach’ jetzt keine Bauernkunst!’. Auf dem Land zu leben bringt für mich aber viel eher Überlegungen zu meiner eigenen Arbeitsweise hervor: Welche Materialien verwende ich eigentlich, welche Nachhaltigkeit haben sie? Wie kann man die Verpackung von Kunstwerken ganz anders lösen? Diese Fragen stellen sich mir, indem ich mich hier mit ökologischen und nachhaltigen Fragen konkret beschäftige, nicht bloß theoretisch – und ich stelle mich ihnen.”

Das Haus von Sarah Johann und Tilo Schulz in Schönermark, Uckermark. Foto: Stephan Lucius Lemke.
Das Haus von Sarah Johann und Tilo Schulz in Schönermark, Uckermark. Foto: Stephan Lucius Lemke.

Die Überlegungen des Künstlers umspannen auch den Gedanken des regionalen Produzierens, das seine Frau Sarah Johann mit ihrer Taschenmanufaktur bereits begonnen hat, umzusetzen: Sie verarbeitet alle Materialien vor Ort in ihrer Werkstatt, für die Schulz den Boden des von Fachwerkgebälk durchzogenen Hauses tiefer gegraben und aus vier Räumen einen großen Studioraum im Erdgeschoss geschaffen hat, in dem Johann die Leder und Textilien vernäht und neuerdings auch präsentiert. Für ihre aktuelle Kampagne hat sie ein Fotoshooting in der Region umgesetzt. Sarah Johann und Tilo Schulz begreifen den Ort, in dem sie leben und den sie mit ihrem räumlichen Gefüge geschaffen haben als Möglichkeit und Angebot, Dinge anders zu sehen und zu praktizieren. Schulz bemerkt: “Teil meines Seins ist die Arbeit, aber auch das Hiersein. Diese bewusste Verschiebung ist eine Veränderung, die dieser Ort hervorgebracht hat. Es ist für mich vor diesem Hintergrund ein interessanter Gedanke, zu sagen: Auch das Nachdenken über die Nachhaltigkeit der Wiesen dieses Geländes mit Apfelbäumen alter Sorten, die etwa im 19. Jahrhundert in Riga gezüchtet wurden, ist 30 Prozent meiner Arbeitszeit, denn es beinhaltet wichtige gesellschaftliche Fragen.”

Schulz ergänzt, dass er keine explizit politische Kunst produziere. Doch dass die Aspekte, mit denen er sich in seiner Arbeit befasse, stets verschiedene gesellschaftliche Kontexte spiegeln. Es geht ihm um ein Denken von Gesellschaft – als Mensch und in seinen künstlerischen Gesten. So auch in der Uckermark. Und auch wenn es eine wenig bevölkerte sowie wenig an öffentliche Verkehrsmittel angeschlossene Region ist, in der Schulz und Johann leben, sind sie durch ihr vielfältiges Interagieren nicht isoliert, möchten durch ihr Tun der Region etwas zurückgeben. Eine weitere Möglichkeit könnte das kleine Nebengebäude bieten, in dem Tilo Schulz einen Ort der Gesprächssuche und Vermittlung sieht. “Kunst wird eine Rolle spielen, aber nicht im Format der Ausstellung. Grundlegend stellt sich die Frage: Was ist der Bedarf? Wie kann dies ein Ort von Verhandlungen werden? Zunächst aber müssen wir den Raum erst schaffen, das Nebengebäude sanieren, und dafür bedarf es noch finanzieller Investition.”

Bereits zu Beginn seines künstlerischen Handelns hat Tilo Schulz sich parallel zu seinem Werk mit Vermittlungsansätzen als einer anderen Möglichkeit der künstlerischen Sprache befasst. Etwa 1997, als er im Rahmen von Kunst in der Leipziger Messe Busfahrten organisierte, oder 1998 bei der Manifesta 2 in Luxemburg, wo er Schriftbilder als subtile Handlungsanregungen in den öffentlichen Raum brachte. Schulz ist es wichtig, auf Vorhandenes zu verweisen und dies durch behutsame Interventionen zu ergänzen, Blicke durch eine spezifische (künstlerische) Setzung zu schärfen – sowohl im Leben, als auch im Kunstsystem.

Stadt und Land

Mittlerweile ist der Stand der Sonne vorangeschritten. Bevor wir ins Haus in das über eine große Treppe zu erreichende Atelier von Tilo Schulz gehen, in dem er mir sein konzeptuell-realistisches Textstück für die Inszenierung Eine kurze Poesie der BeWegung im Kontext seiner Morsbroicher Skulptur zeigt, greift der Künstler in die Erde und zieht eine Hand voll frischer Kartoffeln aus dem Boden für unser gemeinsames Mittagessen. “Stadt oder Land: Mir fällt es schwer, das eine gegen das andere auszuspielen. Ich denke, dass es wieder einen Ausgleich zwischen Stadt und Land gibt, ist wichtig für die Zukunft.”

Der Künstler im Netz: https://www.tiloschulz.com/