Simone Lucas, Lost in the Plains, 2020. 50 x 60 cm, Mischtechnik auf Leinwand.
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Das innere Bild

Simone Lucas und ihre Ausstellung im Kunstverein Bad Nauheim.

Heute gibt es noch nicht viel zu sehen. Wir müssen drei Treppen hoch, dann stehen wir im Atelier von Simone Lucas, das sie sich mit ihrem Mann, dem Maler Sven Kroner, teilt. Schon im Treppenhaus, dann auch im Atelier selbst, fallen die vielen Bilder auf, die in Stapeln an den Wänden lehnen. Sie sind verpackt, in Luftpolsterfolie, einzeln, bereit für den Transport nach Bad Nauheim. Im dortigen Kunstverein wird nur ein paar Tage nach dem Jahreswechsel die erste Ausstellung der Künstlerin im neuen Jahr stattfinden. Immerhin hat sich Simone Lucas, trotz der Ausstellungsvorbereitungen, die sie in diesen Dezembertagen, kurz vor Weihnachten, stark beanspruchen, die Mühe gemacht, hier oben fünf Bilder aufzustellen, die in Bad Nauheim nicht gezeigt werden. Über die kommen wir nun ins Gespräch.

„Neue Märchen“ für Bad Nauheim

Dieses, unser erstes Gespräch kreist um Einzelheiten, die auf den Bildern zu sehen sind, ohne dass wir dabei mehr als oberflächlich erkennbare formale oder inhaltliche Zusammenhänge berühren. So geht es zum Beispiel um die immer wieder als Motiv auftauchenden Häuser. Oder um ihr Studium bei Dieter Krieg an der Düsseldorfer Akademie. Oder um Vorzeichnungen und Skizzen. Die gibt es nicht, erfahre ich, die Bilder entstehen direkt auf der Leinwand. Am Ende landen wir bei den bereits verpackten Arbeiten: Luftpolsterfolie und Klebeband haben die Kunst, die wir an diesem Tag nicht sehen können, in Transportgut verwandelt. Auch in dieser Transformation bleiben die Bilder für mich beeindruckend, weil sie – in Stapeln – von einer Zahl künden, die groß ist. Für Simone Lucas ist es genau umgekehrt: Gestapelt hat die Kunst ihren Kunstcharakter verloren, was sie, wie sie sagt, „nervös“ macht.

Dass die Stapel nach eher mittleren Formaten aussehen, liegt an dem Transporter, mit dem der Bad Nauheimer Kunstverein die Bilder abholen wird. In den passen nur mittelgroße Bilder. Simone Lucas’ Großformate müssen also zuhause bleiben. Was ich ein bisschen schade finde, weil ich sie bisher nur aus den gleichmacherischen Reproduktionen in Büchern oder im Netz kenne.

Durch den Umstand, dass die Ausstellung in Bad Nauheim „Neue Märchen“ heißen wird, ihr Werk also als märchenhaft apostrophiert wird, hat sich Simone Lucas bei der Auswahl der Exponate große Freiheiten verschafft. Denn „Märchen“ ist ein sehr weitläufiger Begriff. Und weil in ihren Bildern Dinge in einer Art zusammenkommen, die diese deutlich von jeder Art von alltäglicher Wirklichkeit abrücken, kann man in ihren Arbeiten etwas Märchenhaftes sehen, was bislang, das kann man nachlesen, nicht selten bereits passiert ist. Im Grunde ist aber die Betitelung der Ausstellung nichts anderes als die Ausschaltung jeder kuratorischen Eingrenzung. Simone Lucas kann aufhängen, was sie will. „Neue Märchen“ ist daher möglicherweise weniger ein inhaltliches Versprechen als vielmehr ein Versuch der Künstlerin, den Fragen, was genau das ist, was sie malt, mit einer Antwort zu begegnen, die den Fragenden das Gefühl gibt, sich mit der Künstlerin gemeinsam in vertrautem, allseits bekannten Gelände zu bewegen.

Weiße Wände

Am Tag des Ausstellungsaufbaus liegt im Kurpark genug Schnee, um die innerstädtische Geräuschkulisse auf ein Minimum zu dämpfen. Es ist niemand zu sehen, den man nach dem Weg fragen könnte, aber auch so findet sich der Kunstverein relativ schnell rechts neben der verwaisten Konzertmuschel.

Der Verein verfügt hier über Räume, die Teil der historischen Trinkkuranlage sind. 313 Quadratmeter Ausstellungsfläche. Ganz sicher gibt es in etlichen Städten, die größer als Bad Nauheim sind, Kunstvereine, die mit weniger auskommen müssen. Die Fläche verteilt sich auf drei Räume, von denen die beiden äußeren über breite Fenster verfügen, die viel Tageslicht hereinlassen.

Die Bilder sind schon am Vortag eingetroffen. Am Morgen, als Simone Lucas und ihr Mann im Kunstverein erscheinen, haben sie an den Stellen, an denen sie später hängen sollten, bereits einen Platz gefunden. Die Luftpolsterfolien liegen zusammengefaltet neben einer der Säulen am Boden. Über die Hängung ist also im Grunde bereits entschieden worden, was nun wiederum eine Entscheidung der Künstlerin verlangt, wie dieser Sachverhalt zu verstehen ist – als Vorschlag oder als Fait accompli. Doch das Problem lässt sich ohne Weiteres lösen. Damit es es zu motivischen Gruppierungen kommen kann, die auf Beschaffenheit der Räume und die sich anbietenden Sichtachsen eingehen, müssen nur wenige Bilder umgestellt werden. Danach kann die Arbeit der Hängung beginnen. Wodurch das Transportgut, gewissermaßen dematerialisierend, wieder zu Kunst transzendiert. Tatsächlich ist es beeindruckend, wie sehr sich die Ausstellungsräume, Schritt für Schritt mit jedem weiteren Bild, das hängt, verändern.

Viele der Bilder, nicht alle, kennzeichnet eine eher zurückhaltende Farbigkeit, in der Blau-, Grün- und Grautöne eine dominante Rolle spielen. Häufig tendiert die Palette in die eher dunklen Sektoren dieses zwar begrenzten, aber doch sehr variantenreichen Spektrums. Das wird immer wieder aufgebrochen durch Flächen, die sich in Richtung Weiß bewegen, ohne dabei ihre Abstammung von dunkleren Tönen zu unterschlagen: Reinweiß ist eher selten. Und sobald man näher herantritt, zeigt sich in vorzugsweise kleineren Formen eine gewissen Buntheit, in der dann mit Hilfe von roten, gelben, violetten oder weiteren Farbtönen lokale Akzente gesetzt werden. Ganz nebenbei liefert die Künstlerin dazu Hinweise, wie ihre Bilder zustandekommen: Mehrfach werden Teilflächen der Leinwand von hellen Streifen eingerahmt. Hält man einen gewissen Abstand, sieht das so aus, als ob in das große Ganze mit Kreppband kleinere Bilder hineingeklebt worden wären. Hier wird uns also nahezu unverschlüsselt mitgeteilt, dass Simone Lucas ihre Bilder aus verschiedenen Motiven zusammensetzt, die erst durch ihre Zusammenstellung auf der Leinwand in eine Beziehung zueinander treten. Woraus erst dann die Einheit des Bildes entsteht.

Es gibt also klare, jederzeit sichtbare Kennzeichen, die die Arbeiten, die in Bad Nauheim gezeigt werden, nicht nur formal, sondern auch inhaltlich miteinander verbinden. Da drängt sich die Frage auf, ob die beschriebenen Charakteristika nur auf die Auswahl zutreffen, die hier gezeigt wird. Das älteste der hier nun hängenden Bilder stammt aus dem Jahr 2018, die Ausstellung deckt also einen Zeitraum ihres Schaffens von weniger als zehn Jahren ab. Später, zurück am Schreibtisch, bestätigt der Blick in ältere Kataloge, dass sich diese Erzähltechnik auf weitere Teile ihres Schaffens erstreckt.

In Bad Nauheim ist die Hängung gegen Mittag weitgehend abgeschlossen. Wir gehen hinaus, hinter uns wird abgeschlossen.

Figuration, Malerei und künstlerische Integrität

Am Tag der Eröffnung hält Sturmtief „Elli“ Norddeutschland im Griff. Ob auch die Mittelgebirge und damit der an den Taunus grenzende hessische Wetteraukreis, in dem Bad Nauheim liegt, betroffen sind, lässt sich vorab nicht eindeutig klären. Mit richtig schlechtem Wetter ist aber auch dort zu rechnen. Und tatsächlich ist es auf den Bad Nauheimer Straßen rund um den Kurpark gegen 19 Uhr sehr ruhig. Regen, kurz vor dem Übergang in Schneeregen. Die Temperatur fällt. Aber: Man kann trotzdem vereinzelt Fußgänger beobachten, und es braucht einen Moment, bis wir begreifen, dass wir nicht die einzigen sind, die heute Abend zum Bad Nauheimer Kunstverein streben. Dessen große Fenster leuchten einladend in der Dunkelheit. Drinnen ist es warm – und es ist voll.

Noch auf der Schwelle der Eingangstür zeigt sich so, was die Redner:innen des Abends, darunter auch der Bad Nauheimer Bürgermeister, später hervorheben werden: Der Kunstverein ist, Sturmtief hin, Sturmtief her, eine verlässliche Größe des Bad Nauheimer Kulturlebens. Er hat, obwohl er noch relativ jung und Bad Nauheim mit rund 33000 Einwohnern gewiss keine Großstadt ist, mehr als 250 Mitglieder und kann auch unter ungünstigsten Wetterbedingungen sein Publikum ohne Mühe aktivieren. Wozu, das legt der Augenschein nahe, die Künstlerin nicht wenig beiträgt. In Gruppen steht man vor ihren Bildern, flaniert, studiert und diskutiert angeregt.

Die angenehm entspannte Atmosphäre ist allerdings auch ein Zeichen dafür, dass Bad Nauheim relativ weit entfernt ist von den Erwartungen und Spekulationen, wie sie für den eher großstädtisch geprägten Kunstbetrieb typisch sind. Das Vernissagenpublikum sieht zwar genauso aus wie andernorts. Aber in den Gesprächen mit den Verantwortlichen erfährt man, dass die Kriterien, die über das Zustandekommen einer Ausstellung entscheiden, in Bad Nauheim andere sind als in den Kunstvereinen von Städten wie Frankfurt, Köln oder München. Es gibt hier kein Kuratorenteam, dessen Karriereplanung das Ausstellungsgeschehen prägt. Freimütig berichten die Verantwortlichen, allesamt ehrenamtlich tätig, dass ihre erste Begegnung mit der Künstlerin einem Zufall zu verdanken ist: Der Kunstverein Mannheim, der im Frühjahr 2023 eine Ausstellung mit Simone Lucas veranstaltete, hatte für diese Ausstellung eine Anzeige geschaltet, die wiederum der 2. Vorsitzenden des Bad Nauheimer Kunstvereins aufgefallen war. Aufgrund dieser Anzeige kam der erste Kontakt zustande.

Ein paar Minuten später, als der protokollarische Teil des Abends beginnt, zeigt sich, dass sich die Wahl des Ausstellungstitels, „Neue Märchen“, auch hier und jetzt als Vorteil erweist: Den Laudator:innen des Abends bietet er den Stoff, aus dem sich vielfältige Bezüge herstellen lassen, entweder – durchaus auch romantisch verklärt – das eigene kindliche Erleben erinnernd oder unter Verweis auf literatur- und kunstgeschichtliche Aspekte. Hessen ist schließlich die Heimat der Gebrüder Grimm, mit Hänsel und Gretel, aber auch mit Alice in Wonderland kennt man sich hier aus. Allerdings erzeugt der Ausstellungstitel auch ein Problem: Er verführt dazu, Simone Lucas’ Bilder wie Illustrationen zu Geschichten zu betrachten, die man noch nicht kennt, aber doch eigentlich kennen müsste, um ihre Kunst richtig verstehen zu können.

Und die Art und Weise, in der im Lauf des Abends der Deutungsrahmen für die gezeigte Kunst abgesteckt wird, geht möglicherweise immer mal wieder an der künstlerischen Wahrheit vorbei, weil Simone Lucas‘ Kunst nicht „realistisch“ oder vielleicht sogar „naturalistisch“ auf das Erscheinungsbild der äußeren Welt reagiert, die wir mit ihr teilen. Es geht ihr eben, so sagt sie es selbst, um ihr „inneres Bild“. Das ist etwas, was zunächst nur sie sieht. Ihrem Publikum zeigt sie mithilfe einer der literarischen Cut off-Technik ähnelnden Methode zusammengefügte Motive. Aus denen bildet sich erst auf der Leinwand eine bildnerische Ganzheit. Was besser nicht zu dem Missverständnis führen sollte, dass uns die Künstlerin eine Geschichte, linear wie ein Märchen, erzählen möchte. Muss sie ja auch nicht, weil sie uns ja ihre Bilder zeigt. In denen konkretisiert sich das Ungefähre in einem wahrscheinlich allmählichen Klärungsprozess eben nicht begrifflich erzählend, sondern bildlich.

Die Frage danach, was die Figuren in ihren Bildern dort eigentlich treiben, lenkt ohnehin nur davon ab, dass es in ihrem Werk nicht nur um Figuration, die etwas erzählen will, sondern um Malerei geht. Die steht für sich, ganz unbedingt auch bei Simone Lucas.


Die Website von Simone Lucas: https://www.simonelucas.de/. Simone Lucas bei Instagram: @simonelucas.de

Kunstverein Bad Nauheim: https://www.kunstvereinbadnauheim.de/. Die Ausstellung „Neue Märchen“ wird dort noch bis zum 15. Februar gezeigt.

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Totentänze

Berlinde de Bruyckere im Bahnhof Rolandseck.

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