Von der Mäusefängerin zum Internet-Hype
Die Katze begleitet den Menschen seit vielen Jahrtausenden. Was verbindet uns mit diesem Tier, das nicht immer nur „cute“ ist? Eine kulturgeschichtliche Ausstellung im Museum am Rothenbaum in Hamburg macht die Katze jetzt zu ihrem Untersuchungsgegenstand.
Nachts sind alle Katzen grau. Dieser Redewendung wohnt etwas Unheimliches inne. Wer oder was ist eigentlich die Katze? Der Kult um dieses ambivalent aufgeladene Tier auf vier Samtpfoten und sein Verhältnis zum Menschen ist jetzt Untersuchungsgegenstand einer Ausstellung im Hamburger Museum am Rothenbaum (MARKK). Und wie es sich für ein zeitgemäß ausgerichtetes Museum der Kulturen und Künste der Welt gehört, folgt die an Exponaten reiche Schau sowohl einem wissenschaftlichen, einem postkolonial-globalen als auch einem popkulturellen Ansatz.
Hello Kitty als Japans Antwort auf Micky Mouse
Da begegnet den Besucher:innen zum Beispiel die nicht nur in Japan allgegenwärtige Figur „Hello Kitty“, ein mundloses, freundliches Katzenwesen im Spielzeug-Look, das in der Hamburger Ausstellung dem Kapitel „niedlich“ zugeordnet wird. Wirklich nur niedlich? Japans Antwort auf die marktdominante US-amerikanische Micky Mouse wird in manchen Kreisen durchaus kritisch gesehen. Denn „Hello Kitty“ verkörpert in ihrer ambivalenten Mischung aus Sprachlosigkeit, Traurigkeit und Fröhlichkeit doch allzu sehr den gängigen und vielleicht auch überholten Stereotyp von asiatischer Weiblichkeit und Passivität.
Katzen als Spiegelbilder weiblicher Selbstbestimmung
Überhaupt Stereotype: Die Konnotation von Katze und Frau wurde immer wieder für symbolische Ausgrenzungen missbraucht, sowohl in politischen Auseinandersetzungen als auch in gesellschaftlichen Belangen. So galt bereits im Mittelalter die Katze – besonders die schwarze Katze – als Attribut der Hexe. Die Suffragetten zu Beginn des 20. Jahrhunderts nutzten Katzen als Resonanzraum für politische Botschaften. Chicano-Frauen, also Amerikanerinnen mexikanischer Herkunft, tragen Leopardenkleidung als Ausdruck rebellischen Widerstands. Katzen-Look auch in der Musik-Szene: Die Pop-Ikone Taylor Swift posierte im Dezember 2023 auf dem Cover des TIME-Magazine zusammen mit ihrem Kater Benjamin Button als stolze Cat Lady. Später dann machte sie Wahlkampf für Kamala Harris. JD Vance hingegen diffamierte die demokratische Gegenkandidatin von Donald Trump als „kinderlose Katzenfrau“, die für die amerikanische Gesellschaft wenig wert sei. Harris’ Unterstützer:innen jedoch setzten auf eine Art Bumerang-Effekt, indem sie der MAGA-Hetze eine breit angelegte Kampagne mit Katzenmotiven unter dem Slogan „Cat Ladies for Kamala“ entgegensetzten. Wie man weiß, allerdings ohne Erfolg.



Ausstellung in fünf Kapiteln
Was hat es nun mit diesem Tier auf sich, das sowohl in den sozialen Medien seit den späten 1990er Jahren wegen seiner „Cuteness“ eine enorme Präsenz hat, als auch bereits im Jahr 1668 in einer Fabel von Lafontaine mit dem Titel „Die in ein Weib verwandelte Katze“ zur literarischen Protagonistin wurde?
Die Hamburger Ausstellung nähert sich dem Phänomen Katze aus der „kulturgeschichtlichen, kunstgeschichtlichen und soziokulturellen Perspektive“, wie MARKK-Direktorin Barbara Plankensteiner erläutert. Die Katze und der Mensch leben bereits seit 10.000 Jahren in einem engen Verhältnis, wie aus den Funden aus einer Grabstätte auf Zypern zu lernen ist. Um in das facettenreiche Thema eine gewisse Ordnung zu bringen, ist die Ausstellung in fünf Kapitel gegliedert, die gleichzeitig fünf typische Eigenschaften von Katzen beschreiben: niedlich, nützlich, verehrt, (un)abhängig und stark.
200 Exponate aus rund 3.000 Jahren
Rund 200 Ausstellungsstücke hat das fünfköpfige, rein weibliche Kuratorinnenteam zusammengetragen. Das Spektrum historischer Exponate reicht von einem chinesischen Blockdruck auf Papier mit mäusefangenden Katzen über ein peruanisches Steigbügelgefäß in Form einer Raubkatze bis hin zu so skurrilen Objekten wie einer altägyptischen Katzenplastik, die auf dem Sarg einer Katzenmumie thront. Die Artefakte stammen aus einem Zeitraum, der rund 3.000 Jahre umfasst. Machtattribute wie eine Löwenfellkrone und ein Raubkatzen-Umhang für besonders mutige Krieger aus Äthiopien sind im MARKK ebenso zu sehen wie eine ganze Armada japanischer Winkekatzen, die mittlerweile von Geschäftsinhaber:innen auf der ganzen Welt als Glücksbringer und Garant für Reichtum in ihre Läden und Restaurants gestellt werden.



Im Kapitel „nützlich“ widmet sich die Ausstellung auch – wir sind schließlich in Hamburg – dem Phänomen der Schiffs- beziehungsweise Bordkatze. Katzen gehörten quasi seit Beginn der Handelsschifffahrt und bis ins 20. Jahrhundert hinein zum festen Inventar von Dreimastschonern und Dampfschiffen. Im Zeitalter der Containerschifffahrt hingegen gelten sie als verzichtbar. Auf hoher See sorgten sie dafür, dass die wertvolle Fracht nicht von Schädlingen wie Mäusen und Ratten angenagt und gefressen wurde. Daneben gehörten sie als Maskottchen und tierische Kameraden irgendwie auch zur Besatzung. Eine Reihe von Fotografien, auf welchen Matrosen mit der Bordkatze posieren, zeugt vom innigen Verhältnis der Männer zu den mitreisenden Samtpfoten.
Katzen und Raubkatzen im Fokus zeitgenössischer Kunst
Doch auch die Bildende Kunst kommt in der Ausstellung nicht zu kurz. So wird etwa die anrührende Videoarbeit „Kitch’s Last Meal“ der New Yorker Avantgardekünstlerin Carolee Schneemann (1939-2019) gezeigt. Der fast einstündige Film dokumentiert die täglichen Routinen einer Katzenbesitzerin. Thema ist aber auch die letzte Lebensphase ihres Katers Kitch und die Intimität und Vertrautheit, die zwischen dem Tier und seiner Besitzerin herrschte.
Auch nichtwestliche zeitgenössische Kunst ist in der Ausstellung vertreten. So zum Beispiel Malerei des populären kongolesischen Künstlers Cheri Cherin (1955-2025). Auf seinen bunten, narrativen und allegorisch aufgeladenen Gemälden prangert Cherin Phänomene wie Korruption, Zensur, persönliche Bereicherung, Demagogie und Unterdrückung der Opposition in seiner Heimat an. Die für ihren mit Menschenverachtung gepaarten, pompösen Lebensstil bekannten Präsidenten Mobutu und Kabila werden von Cherin mit den Attributen des Leoparden beziehungsweise Löwen dargestellt.

Wissenschaft trifft auf Popkultur und Unterhaltung
Dass Katzen dem Menschen oftmals lieb gewonnene Gefährten sind, lässt sich an zahlreichen im Internet kursierenden Home-Videos ablesen, aber auch am neuen Trend der Katzen-Cafés, in denen man nicht nur Kuchen verzehrt, sondern die umherschleichenden, schnurrenden Vierbeiner stundenlang streicheln darf. Wie schon Sigmund Freud feststellte: „Die Zeit, die man mit Katzen verbringt, ist niemals verlorene Zeit.“
Der Hamburger Katzen-Ausstellung gelingt es, auf relativ kleiner Fläche ein verdichtetes Panorama an verschiedensten Exponaten zu präsentieren. Dabei schafft sie es, nahezu spielerisch die Balance zwischen wissenschaftlichem Anspruch, popkultureller Gegenwartsanalyse und Unterhaltungsqualitäten zu halten. Die Besucher:innen flanieren durch den abwechslungsreichen Ausstellungsparcours, der sich zwar in fünf Themeninseln gliedert, jedoch immer wieder Möglichkeiten bietet, hier und da zu schauen und von einem streng vorgegebenen Rundgang abzuweichen. Einige interaktive Stationen und ein zum Ausruhen einladendes, überdimensionales rosa Sofa in Katzenoptik machen die für alle Generationen geeignete Schau dann streckenweise zu einem Erlebnis mit Fun-Faktor. So dürfen Besucher:innen sich an einer kleinen Garderobe extravagante Kleidungsstücke aussuchen und vor dem Spiegel im Cat Lady-Look posieren. Am Ende der Katzen-Schau wartet dann eine spielerische Umfrage, die dazu einlädt, herauszufinden, ob man eher Hundeliebhaber oder Katzentyp ist. Das Ergebnis dürfte so manchen überraschen.
„Katzen!“ im Museum am Rothenbaum Kulturen und Künste der Welt (MARKK), Hamburg
Bis 29. November 2026, Di-So 10-18 Uhr, Do bis 21 Uhr. Es gibt einen Katalog.
Totentänze
Berlinde de Bruyckere im Bahnhof Rolandseck.
Nachlass einer Kunstfigur
Über Dirk Dietrich Hennig, Die Sammlung Rudolf, Sprengel Museum, Hannover, 17. August 2022 – 8. Januar 2023.
Einheit und Vielheit
Martin Assig im Museum Küppersmühle, 4. November 2022 bis 5. März 2023.