Ausstellungsansicht Charles Ray, 22. August 2026 – 3. Januar 2027, Fridericianum in Kassel. Das Bild zeigt die Rückansicht der Skulptur "Return to the One" (2020). In der Mitte im Hintergrund ist die Gruppe "Oh! Charley, Charley, Charley… " (1992) zu sehen, die Ray anlässlich der documenta 9 zum ersten mal in Kassel zeigte. Foto: Nicolas Wefers.
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Charles Rays Rückkehr nach Kassel

Jahre nach seinem documenta-Auftritt zeigt das Fridericianum die erste institutionelle Einzelausstellung des Bildhauers in Deutschland.

Seit fünf Jahrzehnten ist der US-Amerikaner eine Größe im internationalen Kunstbetrieb und einer der wichtigsten Vertreter zeitgenössischer Skulptur. Moritz Wesseler, Direktor des Fridericianums, freut sich, dass es nach beharrlichen Versuchen geklappt hat, Charles Ray nach Kassel zu holen. Die erste Anfrage an die Matthew Marks Gallery, die den Künstler weltweit vertritt, erfolgte bereits 2018, ziemlich genau zu dem Zeitpunkt, als Wesseler seine Arbeit am Fridericianum aufnahm. Die Rückmeldung der Galerie fiel zunächst wenig optimistisch aus: Ray bereite seine Ausstellungen lange im Voraus vor und auch die Zahl auszustellender aktueller Arbeiten sei begrenzt, arbeite der Bildhauer doch bis zu zehn Jahre an einzelnen Skulpturen. 2024 lernte der Museumsdirektor auf einer Dienstreise in New York den Künstler persönlich kennen. „Der Funke sprang über“, so Wesseler. Im Frühjahr 2025 stand es fest, Rays Skulpturen, die mitunter mehrere Tonnen wiegen, würden nach Kassel reisen ­– zum Großteil Leihgaben aus privaten Sammlungen. Zu sehen waren die Arbeiten des Bildhauers zuletzt im Centre Pompidou und der Bourse de Commerce in Paris (2022), im Metropolitan Museum of Art in New York (2022) oder im Kunstmuseum Basel (2014). In Kassel erhält man dieser Tage die seltene Gelegenheit, Charles Rays Skulpturen in der Zusammenschau zu betrachten.

Rays „New Visual Figuration“

In raumgreifenden und über den Raum hinausgreifenden Konstellationen zeigt das Fridericianum bis auf eine Ausnahme Werke, die nach 2000 entstanden sind. Aluminium Girl (2003), ein 1,58 Meter großer Frauenakt, der auf einen Körperabguss der Künstlerin Jennifer Pastor zurückgeht, eröffnet die Ausstellung. Die Skulptur ist ein Schlüsselwerk im Œuvre des Künstlers. Denn sie bedeutete für ihn eine neue und ausgereiftere Auseinandersetzung mit der figurativen Skulptur, die sich von seinen postminimalistischen, performativen Anfängen wie seinen Skulpturen der 1990er Jahre in Gestalt von Schaufensterpuppen absetzte. Aluminium Girl leitete eine bis heute andauernde Werkphase ein. Insofern kommt der Skulptur als Auftakt der Ausstellung durchaus eine programmatische Funktion zu.

Zuerst in Holz ausgeführt, überzeugte die Skulptur Ray wenig. Einige Jahre ließ er die Arbeit ruhen, bevor er sich entschied, Pastors Modell erneut zu bearbeiten, in Aluminium zu gießen und weiß zu bemalen. Aluminium Girl war ein Versuch, gleichermaßen die Individualität des Modells zu bewahren wie die Skulptur durch Stilisierung vom Porträt zu entfernen. Mit Aluminium Girl entdeckte der Bildhauer eine für ihn zentrale Technik: die Hervorhebung von Details durch die Nutzung unterschiedlicher Grade an Realismus. Hier sind es vor allem die Schamlippen der Figur, die durch ihre realistische Ausarbeitung provokant hervortreten, den Blick irritieren und ganz im Kontrast zu der beinahe comicartig abstrahierten Frisur stehen. Wie viele seiner späteren Figuren ist Aluminium Girl ein Mix aus klassischen Vorbildern – Ray erwähnt wiederholt seine Faszination für die antiken Kouroi –, zeitgenössischer Ästhetik und aktuellen Themen wie Gender, Sexualität und Identität.

Die Bedeutung liegt im „Gerüst“

Ein weiteres ikonisches Werk des Künstlers, das in Kassel gezeigt wird und ähnlich wie Aluminium Girl von einem Wechsel realistischer und stilisierender Ausarbeitung lebt, ist Boy with Frog (2009). Ursprünglich für den öffentlichen Raum entworfen, entfaltet die überlebensgroße, nackte Figur eines Jungen, der mit ausgestrecktem Arm einen Frosch vor seinen Körper hält und betrachtet, auch im Ausstellungsraum ihre Wirkung. 2007 hatte François Pinault die Skulptur für die Punta della Dogana in Venedig, die sich seinerzeit im Umbau für das neue Ausstellungshaus der Pinault Collection befand, in Auftrag gegeben. Enthüllt wurde sie zwei Jahre später zur Eröffnung des Kunsttempels durch den damaligen Bürgermeister der Stadt, Massimo Cacciari. Obwohl Ray gehofft hatte, Boy with Frog würde dauerhaft an der Punta della Dogana bleiben und ein Wahrzeichen oder mehr noch ein „Bürger Venedigs“ werden, musste die Skulptur 2013 nach einer medial ausgetragenen Kontroverse wieder entfernt werden.

Eine wesentliche Idee im Werk des Künstlers ist die des Gerüsts (armature). Damit meint dieser nicht nur das tragende Skelett einer modellierten Plastik, sondern auch das formale oder inhaltliche Fundament, aus dem sich die Skulptur entwickelt. Das Gerüst von Boy with Frog findet sich in der Bewegungsbahn, die zwischen dem Blick des Jungen und dem Frosch entsteht, erläutert der Bildhauer. Um nicht von dieser Achse abzulenken, habe er unter anderem die linke Brustwarze der Figur stark abgeflacht. Die im Blick verankerte Beziehung zwischen Kind und Amphibie ist das zentrale Moment der Skulptur und veranlasste Kunstkritiker:innen von der Darstellung der Neugier eines Heranwachsenden auf die noch fremde Welt zu sprechen. Ray selbst bringt die Assoziation an den von amerikanischen Schüler:innen im Biologieunterricht sezierten und sorgfältig analysierten Frosch ins Spiel. Auch erwähnt er, dass er zum Zeitpunkt der Anfrage zur Skulptur kurz vor einer Herzoperation stand. Das Bild des Jungen, der einen Frosch in der Hand hält und inspiziert, kam ihm augenblicklich. Im Nachhinein fragte er sich, ob der Frosch womöglich auch sein Herz repräsentierte, ob die bevorstehende Herzoperation unbewusst den Impuls zur Bildidee gegeben hatte. Letztlich sind all diese Deutungen für den Bildhauer nur Möglichkeiten. Symbolisch oder allzu literarisch will er seine Arbeiten nicht verstanden wissen. Im Andeuten und Zusammenführen von Bezügen liegt ihre eigentliche Stärke.

Reminiszenzen

Ein Werk durfte in Kassel natürlich nicht fehlen, auch wenn es inmitten der neueren Skulpturen leicht antiquiert daherkommt. Die bereits auf der documenta 9 gezeigte Figurengruppe Oh! Charley, Charley, Charley… (1992) ist die einzige, so könnte man sagen, retrospektive Arbeit der Ausstellung. Ray war zögerlich, stimmte dann aber doch zu, sie zu integrieren. In Rays Mannequin-Manier der 1990er Jahre realisiert, führt die Skulptur eine Orgie acht identischer Männer, die allesamt die Züge des Künstlers tragen, vor. Der Geschlechtsakt ist allerdings nur angedeutet, keine der Figuren berührt sich. Für Ray bedeutete die Gesamtkonstellation damals eine kompositorische Herausforderung, an der er beim ersten Versuch scheiterte. Widmet man sich der raffinierten Zusammenführung der Figuren, tritt die Dominanz des Sexuellen zurück. Dass die Arbeit heute nicht mehr provozieren kann, wie die Ausstellungsbesprechungen in Monopol und Welt formulieren, sei dahingestellt. Angedeutete Themen wie Selbstprojektion oder Identität in virtuellen Realitäten – für Ray tatsächlich bereits während der Arbeit an der Skulptur relevant – bleiben anschlussfähig. Zuallererst aber ist die Skulptur hier in Kassel eine Reminiszenz an die documenta 9 und die Beziehung des Künstlers zur Stadt.

Konstellationen

Was an der Ausstellung im Fridericianum besticht, ist das ausgezeichnete Zusammenspiel der Skulpturen. Die Räume leben von den Beziehungen der Werke zueinander, dem Wechselspiel aus Blicken, Maßstabsverschiebungen und Oberflächen. Ein Dialog zwischen den Skulpturen kitzelt neue Interpretationen heraus. So steht Oh! Charley, Charley, Charley… am anderen Ende des Raumes ein Werk gegenüber, das einen älteren Charles Ray in Alltagskleidung und mit angestrengtem Gesichtsausdruck auf einem Block sitzend zeigt. Return to the One (2020) heißt die spirituell aufgeladene Skulptur aus Papier. Ray besteht darauf, sie nicht als Selbstporträt zu begreifen, sondern als eine Auseinandersetzung mit Fragen der Introspektion. Dennoch verführt die räumliche Anordnung dazu, in ihr an dieser Stelle einen gereiften Künstler, der über sein früheres, skandalöses Werk nachsinnt, zu erblicken. Mit Humor kann die Positionierung einer dritten Skulptur im Raum betrachtet werden: Zwischen Oh! Charley, Charley, Charley… und Return to the One liegt mit Clothes Pile (2020) die abgestreifte Kleidung des Künstlers am Boden.

Die Arbeiten der Ausstellung scheinen mehr einander als den Betrachtenden zugewandt. Beim Betreten der drei Hauptsäle begegnen die vordersten Skulpturen von ihrer Rückseite. Boy with Frog ist auf die ihm gegenübergestellte massive 3,06 Meter hohe Madonna and Child (2026) – eine bislang ungezeigte Arbeit – ausgerichtet. Ebenso trifft man auf Return to the One und die Betonskulptur Bull (2026) von hinten. Sie leiten den Blick weiter auf die sonstigen Werke im Raum. Aluminium Girl schließlich weist über den Ausstellungssaal hinaus, zurück in die Rotunde des Fridericianums. Dort wartet auf dem Galeriegang die silberglänzende Edelstahlfigur School Play (2015) auf eine letzte Interaktion. Dargestellt ist ein Kind im Jugendalter, das für eine Schulaufführung in eine improvisierte Toga aus Bettlaken gekleidet ist und ein Plastikschwert in der Hand hält. Imitation, Rollenspiel, das Alter des Heranwachsens, Identitätsfindung, all das sind Themen die School Play anschneidet. Darüber hinaus setzt es sich aber auch mit der Werkgenese selbst auseinander. Bewusst hat Ray Spuren des CNC-Roboters, der die Skulptur aus dem Edelstahlblock gefräst hat, am Kopf des Jungen beibehalten. Die Hand des Roboters ist für ihn ein wichtiger kultureller Marker.

Seit 2005 nutzt Ray hochtechnisierte digitale Verfahren zur Herstellung seiner Skulpturen: 3D-Scanning, CAD-Modellierung, CNC-Milling. Für handwerkliche Arbeiten an Zwischenmodellen hat er zahlreiche Assistent:innen. Expert:innen wie der Werkstattleiter und Fabrikator Mark Rossi unterstützen ihn. „I’m a conductor in an orchestra, different people playing“, fasst Ray seine Rolle zusammen.


Charles Ray, 22. August 2026 – 3. Januar 2027, Fridericianum, Kassel

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