Kunstsommer in der Südeifel
Die Stiftung zur Förderung zeitgenössischer Kunst in Weidingen
Die Liste der Sehenswürdigkeiten im Wikipedia-Eintrag von Weidingen, einer kleinen Gemeinde in der Südeifel, ist erwartungsgemäß überschaubar. Angeführt wird sie von der Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariä Empfängnis, deren Gnadenbild dem Ort bis heute seinen Status als Wallfahrtsort sichert, gefolgt von Nischenkreuzen aus dem 17. Jahrhundert und denkmalgeschützten Wohnhäusern aus dem 18. Jahrhundert. Ein Sprung in die Aktualität vollziehen hingegen die letzten beiden Einträge: die „Stiftung zur Förderung zeitgenössischer Kunst in Weidingen“ und die „Bibliothek Günther Förg“. Und so begeben wir uns auf den Weg zu diesen Neuzugängen in einen verborgenen Winkel deutscher Kulturlandschaft.
Zugegeben, diesen lediglich 180 Einwohner zählenden Ort muss man finden wollen. Verbindungen – etwa von Köln aus – mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in dieses entlegene Gebiet an der Grenze zu Luxemburg sucht man vergeblich. Die Anfahrt ist nur mit dem eigenen Pkw möglich und will gut vorbereitet sein. Die Strecke hat es spätestens hinter Bitburg in sich, wenn sich die breiteren Bundesstraßen (und mit ihnen die Tankstellen) verabschiedet haben und man den schmalen Landstraßen ausgesetzt ist, die sich wie Serpentinen durch die spätsommerlich üppigen Wiesen und Felder der hügeligen Eifel schlängeln. Aller Naturschönheit zum Trotz schwächelt das Durchhaltevermögen mit dem flauen Gefühl in der Magengegend, das bei jeder rasch aufeinanderfolgenden engen Kurve zunimmt. Und dann ist man da, erreicht nach gut zwei Stunden die Gartenstraße 32. Betritt den saftig grünen, duftenden Rasen, der sich großzügig um ein altes, strahlend weiß getünchtes Gutshaus ausbreitet.



Es begann vor über vierzig Jahren
Damals, Mitte der 1980er Jahre, gehört Max Hetzler zu den führenden Galeristen der Kölner Kunstszene, war Namensgeber jener innerhalb der Neuen Wilden für ihre reißerisch respektlose Attitüde berühmt berüchtigte Künstlergruppe der „Hetzler-Boys“, zu denen Werner Büttner, Martin Kippenberger, Albert Oehlen und sein Bruder Markus gehörten.
Als ihm damals ein guter Freund, der Kölner Architekt Oswald Mathias Ungers seinen Landsitz in Weidingen, den von Getreidefeldern und Wiesen mit Obstbäumen umgebenen Billenhof aus dem 17. Jahrhundert, verkaufen wollte, schlug Hetzler zu: „Der Altbau hatte es mir angetan. Das Angebot von Professor Ungers kam für mich einem Auftrag gleich.“ Nach zehn Jahren in Köln zog Hetzler mit seiner Galerie 1994 nach Berlin und eröffnete seitdem zahlreiche weitere Dependancen, unter anderem in Paris und London, aber auch jüngst in Marfa, Texas. 2012 gründete er gemeinsam mit seiner Frau, der Pariser Galeristin Samia Saouma, die Stiftung zur „Förderung von zeitgenössischer Kunst und Kultur, insbesondere durch jährliche Sommerausstellungen in Weidingen“ wie es auf der Website zu lesen ist. Damit wollte Hetzler nicht zuletzt die eigenen Aktivitäten wieder mehr ins Rheinland verlagern.
Wallfahrten
Während der Blick über das Grundstück bis zur blühenden Wiese am Abhang schweift, erkennt man in den Werken alter Weggefährten wie Günther Förg und Georg Herold eine bis heute anhaltende Verbundenheit zu den Künstlern aus der vergangenen Ära im Rheinland. Aber auch jüngere künstlerische Positionen aus dem Galerieprogramm wie Darren Almond, Ida Ekblad, Rebecca Warren und Toby Ziegler sind längst in Weidingen angekommen.
Das Sommerfest mit künstlerischen, aber auch kulinarischen und musikalischen Attraktionen ist längst ein Höhepunkt im Kulturkalender. Es bildet den stimmungsvollen Auftakt der alljährlich wechselnden Ausstellung, die nur wenige Wochen zwischen Juli und August zu sehen ist. Hier kamen bislang Künstler, Sammler und Galeriemitarbeiter, aber auch Freunde und Dorfbewohner in einem familiären Rahmen zusammen – und in diesem Sommer in den Genuss von Spanferkel auf offener Feuerstelle und den mitreißenden Free-Jazz-Klängen des international bekannten Saxophonisten Mats Gustafsson.
Nun also erobert die Kunst mit ihren Anhängern aus Köln, Düsseldorf und Luxemburg, aber auch aus Paris und Berlin diesen nur gläubigen Pilgern bekannten Ort, der seit 700 Jahren zur Anbetung der heilsversprechenden Maria – Trösterin der Betrübten aufgesucht wird. Auch soll der Name „Weidingen“ von den wilden Weidensträuchern abgeleitet worden sein, in denen einst das Gnadenbild nach dem Verfall eines frühen Kirchengebäudes schutzlos zurückgeblieben war.

Ein Spaziergang durch Weidingen
Mittlerweile erstreckt sich die Stiftung über mehrere Grundstücke und setzt markante Akzente im Erscheinungsbild des Dorfes. Zwei Gebäude, die mit der Stiftungsziel in engem Zusammenhang stehen und auf das Gründungsjahr zurückgehen, befinden sich in unmittelbarer Nähe zum Haupthaus. Eine beeindruckende Ausstellungshalle mit einem fünf Meter hohen Raum, deren Fassadenverkleidung aus Holzlatten mitsamt verschiebbarer Frontelemente wurde in Anlehnung an eine Scheune konzipiert. In diesem August war hier das letzte Werk der im vergangenen Jahr verstorbenen Künstlerin Inge Mahn zu sehen, deren Nachlass seitdem von der Stiftung betreut wird: Die Installation Untitled (Altar) (2023) besteht aus einem bühnenartigen, kalkig weißen Arrangement mit einer etwas ruckartig rotierenden Scheibe und paarweise zusammengesteckten Holzlatten. Wie staksige Beine, in kontrastierend schwarze Gummistiefel gesteckt, scheinen sie im Gleichschritt zu marschieren – als humorvolle Parodie auf militärisch-wichtigtuerische Paraden?
Komplementär zur repräsentativen Funktion der Ausstellungshalle wurde das schräg gegenüberliegende Gästehaus aus mattem, voroxidiertem Kupfer errichtet. Hier sollen Künstler in Ruhe leben und arbeiten – auch in zeitnaher Vorbereitung ihrer Präsentation direkt gegenüber. Keine überflüssigen Gliederungs- oder gar Schmuckelemente stören die klare, einheitliche Formgebung, ein bestechendes Merkmal der Bauweise der Architekten Anja und Dirk Axt aus Trier, die sich an lokalen Gegebenheiten des Geländes – etwa dem Braunton der Eifelerde, der für die Farbgebung des Gästehauses ausschlaggebend war – und traditionellen Gebäudetypen orientieren.


Auch die seit 2016 existierende „Günther Förg Bibliothek“ geht auf einen Entwurf des Architektenpaares zurück und fügt sich harmonisch in die Umgebung ein. Sie liegt nur wenige Meter von der Gartenstraße entfernt an der Hauptstraße zwischen einem verfallenen Haus und der Wallfahrtskirche, deren Turm zurzeit eingerüstet ist. Förg, mit dem Hetzler nicht nur seit Beginn seiner Galerietätigkeit 1974 in Stuttgart zusammengearbeitet hat, sondern mit dem ihm zugleich eine intensive Freundschaft verbunden hat, stattete seine drei Wohn- und Arbeitsorte in München, Freiburg und dem schweizerischen Neuchâtel mit der exakt gleichen Bücherauswahl aus, die rund 3000 Bände umfasst. Der in Weidingen beherbergte Bestand stammt aus Neuchâtel. Die lichten, luftigen Räume des Gebäudes mit einer Höhe von 4 Metern dienen nicht nur der Aufbewahrung, sondern werden auch in das jährliche Ausstellungsprogramm eingebunden. Ergänzend zur raumgreifenden plastischen Arbeit von Inge Mahn in der Ausstellungshalle sind hier Zeichnungen in Vitrinen präsentiert. Die in zahlreichen flüchtigen Skizzen und Sprachnotizen festgehaltenen Ideen und Einfälle geben einen berührenden Einblick in das kreative Vorgehen der Beuys-Schülerin. Eindrücke von Innen und Außen verquicken sich durch die große Fensterfront und Dachverglasung: Der Blick in den Garten fällt durch das schmale seitliche Fenster direkt auf die in exakter axialer Ausrichtung positionierte Skulptur There Is Another Way (2011) von Rebecca Warren. In der Gegenüberstellung mit der unbestimmten Gestalt, die sich ihrer figürlichen Form zu widersetzen scheint, tritt das eigene aktive Betrachten mit dem passiven Betrachtetwerden in ein spannungsvolles Wechselspiel.



Der Zusammenwirkung von Kunst und Natur verschreiben sich die neu angelegten Bienenwiesen etwas oberhalb der Gartenstraße und folgen der zeitgemäßen Ausprägung eines Skulpturengartens. Hier hat Georg Herold zwei langbeinige, tänzerisch sich gegen den Wind und die Schwerkraft aufbäumende Figuren (beide Untitled, 2022) gesetzt, deren Reize Herold schalkhaft in den Dienst neuer ökologischer Ziele
stellt: „Zwei Figuren, die die Bienen verführen.“
In Richtung Krautscheid
Die jüngsten Stätten der Stiftung liegen jenseits des Ortsschildes, welches man in Richtung Krautscheid passiert. Unser kleiner Besuchertross schreitet an diesem warmen Sommertag wie eine kleine Prozession die Hauptstraße entlang, vorbei an alten Wegekreuzen und Ginsterbüschen.
Schon aus der Ferne erkennt man die Kontur einer massiven Betonskulptur von Albert Oehlen, die 2023 ihren Platz eingenommen hat und seitdem „die Landschaft neu definiert“, wie Max Hetzler sagt. Eine menschliche Figur andeutend, besticht der Ömega Man durch die Monumentalität des Materials bei gleichzeitiger Lockerheit der in loser Linienführung ausgeführten Zeichnung.
Unvermittelt bleiben wir kurz vor dem Aufstieg zu Ömega Man auf der Anhöhe am Rande eines Feldes stehen. Eine rustikale Holztür, die in den Hang hinein zu weisen scheint, wird aufgeschlossen. Und tatsächlich, wir befinden uns nun, umgeben von wohltuender Kühle, im Sockelgeschoss des ehemaligen Rodenhofs. Die Ruine der darüberliegenden Stockwerke wurde fachmännisch abgetragen und so liegt der schachtähnliche, von Pfeilern rhythmisierte Raum im Erdreich, einer Höhle gleich. Weitere skulpturale Werke aus Gips von Inge Mahn sind hier zu sehen, deren helle Tonigkeit gespenstisch mit den Wänden verschmilzt.



In einem schattigen Hain zwischen Maisfeldern steht umgeben vom Kranz aus grünem Laub der Baumkronen auf einem stattlich hohen Sockel ein stämmiges, schreitendes Beinpaar mit wulstigen Waden und Klumpfüßen. Alles ist von derart klobig ungelenker Körperlichkeit und Schwerfälligkeit, dass die tragende Plattform auf Rollen kaum als sportliches Vehikel sondern eher als Transportroller zur Verlagerung von Sperrgut wahrgenommen werden kann. Das lauschige Plätzchen und die suggestive Uneindeutigkeit der Bronzeskulptur Man and the Dark (2016) von Rebecca Warren eröffnet sofort assoziative Spielräume: Man verliert sich in einer skurrilen Inszenierung des Sommernachtstraums von Shakespeare mit all seinen Verwandlungsmomenten und Verwirrspielen.
In der Zwischenzeit ist in Weidingen auch die Friedrichs Foundation ansässig, die Stiftung des Bonner Sammlerpaares Brunhilde und Günther Friedrichs, ebenfalls in einer lichtdurchfluteten Halle im prägnanten Axtschen Baustil untergebracht. Aber das ist ein anderes Kapitel in der sich lebendig fortschreibenden Geschichte von Weidingen als nicht mehr ganz so geheimer Ort der Kunst. Es bleibt spannend zu verfolgen wie die Entwicklung fortschreitet – und welche weiteren Kultur-Highlights, denmächst in die Wikipedia-Liste der Sehenswürdigkeiten aufgenommen werden.
Der Irrtum selbst
Joseph Kosuth in Stuttgart
Totentänze
Berlinde de Bruyckere im Bahnhof Rolandseck.
Nachlass einer Kunstfigur
Über Dirk Dietrich Hennig, Die Sammlung Rudolf, Sprengel Museum, Hannover, 17. August 2022 – 8. Januar 2023.