„Everything Everywhere All at Once“
Anlässlich des 80. Geburtstags von Richard Long gelangen zahlreiche Werke als „Satellites“ in ganz NRW zur Präsentation.
Treibhölzer verschiedener Formen und Farben mäandern durch den ehemaligen Speicher an der Kaistraße 14a in Düsseldorf. Fragile Zweige und massive Äste liegen dicht an dicht, bilden eine allansichtig zu umrundende Bodenarbeit, die sich lose zu einem 40 Quadratmeter umfassenden Rechteck fügt. Allein das Binnenmuster der jegliche Farbnuancen von Grau bis Braun abdeckenden Hölzer wurde mittels Skizze vom Künstler Richard Long festgelegt. In den erstmalig bespielten, neuen Räumlichkeiten der KAI 10 / Arthena Foundation lässt sich die Arbeit synästhetisch erfassen, verströmt sie einen latent wahrnehmbaren Geruch von modrigem Holz und tiefen Gewässern.
Das verwundert kaum, bildet doch der nahe gelegene Rhein den Ursprungsort, sammelte Long das im letzten Kilometer vor der niederländischen Grenze angeschwemmte Treibgut. Ein Umstand, der kaum besser zum Ausstellungsort passen könnte, wenn der Rhein gar in Sichtweite durch den Düsseldorfer Medienhafen fließt und sich somit das Holz trotz Platzierung im Innenraum kaum mehr wie ein Fremdkörper anfühlt. Fast meint man, der Fluss sei über die Ufer getreten und hätte die Hölzer eigens in die hohe Halle gespült. Allein die Wellenbewegungen nachahmende Anordnung verrät, dass hier menschliche Hände am Werk waren.
Galerie Konrad Fischer initiiert besonderes Ausstellungsprojekt
„Rhine Driftwood Line“ ist Teil des Projekts „Satellites“ der Konrad Fischer Galerie. Der 23 Jahre alte Long stellte bereits 1968 erstmalig in den zu diesem Zeitpunkt neu eröffneten Räumlichkeiten der Galerie in Düsseldorf aus. Dafür bedeckte er den gesamten Boden innerhalb der „Sculpture for Konrad Fischer“ mit tausenden, am Fluss Avon gesammelten Weidenruten. Anlässlich seines 80. Geburtstags initiiert die Galerie nun ein besonderes Ausstellungsprojekt, welches sie in ähnlicher Art zuvor für Carl Andre ausrichtete. Long ist durch die langjährige Zusammenarbeit mit der Galerie eng verbunden mit dem Rheinland. So finden sich seine Arbeiten in zahlreichen institutionellen und privaten Sammlungen in ganz NRW. Warum diese also nicht gleichzeitig präsentieren? Der Direktor des Düsseldorfer Galeriestandorts Thomas Rieger erzählt, dass bewusst auf die Organisation von Shuttle-Bussen und Führungen verzichtet wurde. Die Vielzahl der Ausflugsziele solle besonders bei derzeit sommerlichen Temperaturen zur eigenständigen Erkundung einladen.

Mittels Bewegung zur Kunst
Das passt zu einem Künstler, dessen Werkschaffen sich auf Kulturtechniken des Gehens und Sehens zurückführen lässt. Geboren in Bristol, am West of England College of Art und später an der St. Martin’s School in London bei Anthony Caro und Frank Martin studiert, gelang Long 1967 mit der Arbeit „A Line Made By Walking“ der Durchbruch. Die hinterlassene Spur entstand durch wiederholtes Abschreiten einer geraden Linie in einem hochgewachsenen Feld. Sie bildete die Grundlage für sein weiteres von Soloreisen zu Fuß gekennzeichnetes Œuvre. Seine Wanderungen führten ihn folgend in diverse abgelegene und schwer zugängliche Gebiete der Welt, muten in ihrer meditativen Abgeschiedenheit wie Pilgerfahrten an. Zu Fuß durchmaß Long Gebirge und Wüsten, erkundete die Dimensionen von Raum, Zeit und Distanz. Seine Reisen dokumentiert er zudem in Fotografien und kurzen Texten, welche zuweilen die einzigen Zeugnisse der ortsbezogenen, teils ephemeren Installationen bilden.
Denn Longs Skulpturen entstehen anhand unterwegs vorgefundener Objekte aus natürlichen Materialien wie beispielsweise Stein, Holz oder Asche. Diese ordnet der Künstler in geometrischen Strukturen an, sodass Linien, Labyrinthe, Spiralen, Kreise, Kreuze oder Ellipsen entstehen. In solch universeller Formsprache wirken die Skulpturen wie Relikte archaischer Völker, spielen mit Aspekten von Symmetrie und Balance, erinnern an das Konzept von Lebenswegen. Sie dienen als Umsetzung von Bewegung, erweisen sich dabei nie als die Natur verwundende Eingriffe. Stattdessen setzt Long aus der Natur heraus und in dieser Zeichen, die sich feinfühlig in ihre Umgebung integrieren oder aber wieder verschwinden. Der bewusste Verzicht auf eine Bearbeitung des Materials sowie die Verwendung von ausschließlich per Hand oder Fuß bewegbaren Objekten veranschaulicht die Bedeutung des menschlichen Maßes als Ausgangspunkt. Im Gegensatz zu vielen anderen Skulpturen befinden sich die seinigen zudem nur knapp über oder unmittelbar auf dem Boden, sind horizontal statt vertikal angelegt und kommen ohne Sockel aus.

Verbindungslinien
Die „Satellites“-Arbeiten fügen sich zumeist nahtlos in die jeweilige bestehende Sammlungspräsentation der teilnehmenden Häuser oder ergänzen das Programm im Außenraum. Der Auftakt fand aufgrund der Einweihung der neuen Räume im KAI 10 statt. Die von der Sammlerin Monika Schnetkamp in diesem Jahr auf der Art Düsseldorf erworbene Arbeit weist dabei eine Historie auf, die exemplarisch für Longs Verbundenheit mit der Region stehen kann. Entstanden im Jahr 2001 im Kontext einer Ausstellung im Kurhaus Kleve wanderte sie 2013 ins DKM in Duisburg. Beides ebenfalls Partner des Galerieprojekts. In Kleve ist beispielsweise die Skulptur „Midsummer Flint Line“ aus Norfolk Flint Steinen dauerhaft ausgestellt. Die Fotos vormaliger Inszenierungen zeigen wie unterschiedlich die „Rhine Driftwood Line“ im Ausstellungskontext erscheinen kann. Zwar variabel bezüglich der Maße folgt die Anordnung doch einer vorgegebenen Ordnung – oder Fließrichtung.

Linien und Kreise stiller Schönheit im DKM
Das 2009 eröffnete Museum DKM der Privatsammler Dirk Krämer und Klaus Maas ist ebenfalls Teil von „Satellites“. Neben der „Rhine Driftwood Line“, die das Museum als losen Verbund aus Treibhölzern im sog. Düsseldorfer Raum 2023/24 präsentierte, legte das DKM 2018 im Rahmen der Schau „Kunst & Kohle – Die schwarze Seite“ sogar einen gesamten Raum mit Arbeiten aus Lärchenrinde, Anthrazit- und Holzkohle von Long an. Als fester Bestandteil der Sammlungspräsentation „Linien stiller Schönheit“ findet sich zudem ein Künstlerraum, welcher nun anlässlich des 80. Geburtstags erweitert wurde. Die zentrale Arbeit bildet der „Cornish Slate Circle“ aus dem Jahr 1983. Die Bodenarbeit besteht aus 84 unregelmäßig geformten Schiefersteinen aus Cornwall. Ähnlich wie bei der „Rhine Driftwood Line“ gibt es auch hier keine exakte Vorgabe bezüglich der Anordnung, dürfen sich die Schiefersteine nur nicht direkt berühren, sollen mit der Längsseite in einem Kreis mit 2,40 Meter Durchmesser angeordnet liegen.
Der Kreis ist eine wiederholt auftretende Struktur im Werk von Long. Er kann symbolisch für das Leben stehen, dessen Wege immer wieder ins Zentrum leiten und mit Vollkommenheit ebenso wie Vergänglichkeit verbunden werden. Im Sinne eines Rades evoziert er zudem wie keine andere Form Bewegung. Die Arbeit wird im DKM durch Fotografien, grafische Arbeiten, Künstlerbücher und sogenannte „Mud Paintings“ ergänzt. Letztere zeigen auf bemalten Karton aufgebrachte Handabdrücke, die einander niemals gleichen, fast wie Silhouetten von Embryonen anmuten. Sie sind Bilder der Gesten des Künstlers, wandeln die Geschwindigkeit seiner bedächtig ausgeführten Handbewegungen unmittelbar in Form um. Mit der Bewegung wird zugleich Zeit gebannt und auf das Papier gebracht.
Ähnlich verhält es sich mit gezeichneten Umrissen von Steinen, die als Wegmarken samt Kilometerangaben einer Wanderung fungieren und die zurückgelegte Strecke wiedergeben. Dazu findet sich auf der Fläche der Wechselausstellungen die frühe Bodenarbeit „Red Stone Line“ aus dem Jahr 1977, die sich als Zickzacklinie aus 65 Steinen über den Boden windet und von Arbeiten von Künstlerin Claudia Terstappen flankiert wird. Es entspinnt sich ein wortloser Dialog zwischen Long und Terstappen, die in ihren Fotografien die Aura als heilig geltender Orte in Japan anhand repetitiver Momente einzufangen versucht. Kombinationen wie diese oder der Umstand, dass Interessierte zunächst einen Raum mit Arbeiten von Arik Levy durchschreiten müssen, um zu Longs gezackter Spur zu gelangen, machen die besondere Energie des Museums aus.

In der Peripherie lockt ein Stück Paradies
Neben großen Häusern wie Museum Ludwig in Köln, Kunstsammlung NRW in Düsseldorf oder Museum Folkwang in Essen finden sich auch Arbeiten an abgelegenen Orten. So ist beispielsweise auch das Schloss Crottorf bei Friesenhagen Teil des Projekts. Der im 13. Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnte ehemalige Hof steht auf dem Fundament einer mittelalterlichen Burg und wurde 1542 zum Wasserschloss umgebaut. Folgend im barocken Stil erweitert, befindet sich das Schloss heute im Besitz von Hermann Graf Hatzfeldt-Wildenburg-Dönhoff. In idyllischer Natur knapp hinter der Grenze zu Rheinland-Pfalz liegt das kleine Schloss inmitten eines großen Teiches im engen Tal des Wildenburger Baches. Nach Passieren eines großen Eingangstors zum Grundstück geht es über drei Brücken durch Torturm und Vorburg bis zum dreiflügeligen Herrenhaus. Die Innenräume des privat genutzten Schlosses dürfen leider nicht besichtigt werden, aber zumindest die von üppiger Natur geprägte Außenanlage mit Blick auf den umgebenden Wald.
Das Schloss ebenso wie die Gärten wirken als seien sie einem Märchen entsprungen. Entsprechend beschrieb der für die Innenausstattung herangezogene italienischen Stuckateur Giovanni Domenico Rosso die Anlage bereits 1661 als „ein Stück Paradies, das aus dem Himmel gefallen ist“. Unter hohen Bäumen finden sich innerhalb des Parks gleich mehrere Skulpturen, zum Beispiel von Richard Serra. Der von der Galerie Konrad Fischer erworbene Richard Long ist allerdings nicht ganz so einfach zu entdecken. Vorbei am Wassergraben löst sich auf der Rückseite des Schlosses eine kleine Tafel aus dem Gestrüpp, welche auf die Arbeit „Stone Lake“ hinweist. Der See aus Steinen ist selbst nicht begehbar, aber lässt sich durch einen Zaun auf etwa 50 Meter Entfernung in der Weite des Tals erspähen. Ganz in der Nähe eines kleinen Teiches bildet der 1988 gefertigte „Stone Lake“ aus konzentrisch angeordneten Schieferplatten dessen topografisches Äquivalent.
Treibgut auf dem Strom der Zeit
Wasser stellt für Long eine fortdauernde Quelle der Faszination dar. Immer wieder nutzt der Künstler den flüssigen Werkstoff zum Hinterlassen von Spuren oder vollzieht zu Fuß getrocknete Flussbetten nach. Als intensiver Geruch war das Wasser ursprünglich auch Teil der „Rhine Driftwood Line“, der sich jedoch mit der Zeit zunehmend verflüchtigt hat. Den Arbeiten gemein ist, dass sie sich mit allen Sinnen erfahren lassen. Sie fordern das Publikum auf, die Bewegungen des Künstlers selbst nachzuvollziehen, sei es imaginär anhand der Künstlerbücher oder physisch im Raum. So bewegen wir uns um die Linien, Kreise und Rechtecke herum, folgen mit den Augen der innewohnenden Bewegung, lassen den Blick über das Werk hinaus in die umgebende Natur schweifen. Gleich einem Landschaftsmaler fühlt sich Long in die Natur ein, verschiebt unseren Fokus mittels abstrahierter Formen und reversibler Eingriffe. Letztere aber verwehren sich in ihrer minimalistischen Ausführung der großen Geste des Weltverbesserers. Longs Arbeiten bewegen sich dagegen stets im Rhythmus des Menschen und lassen immer relevanter werdende sensible Annäherung an Natur zu. Seine Skulpturen sind selbst Landschaft.
Totentänze
Berlinde de Bruyckere im Bahnhof Rolandseck.
Nachlass einer Kunstfigur
Über Dirk Dietrich Hennig, Die Sammlung Rudolf, Sprengel Museum, Hannover, 17. August 2022 – 8. Januar 2023.
Einheit und Vielheit
Martin Assig im Museum Küppersmühle, 4. November 2022 bis 5. März 2023.