Sogenannte "Ziehgitter" mit archivierten Bildern im Kunstarchiv Beeskow. Foto: Martin Maleschka.

Unsere Reihe "West-Ost-Begegnungen"

Im 6. Beitrag unserer Reihe "West-Ost-Begegnungen" besucht Ingeborg Ruthe das Kunstarchiv Beeskow, wo man die Kunst findet, die volkseigene Betriebe, Kombinate, Massenorganisationen, Parteien und Staatsorgane der früheren DDR gesammelt hatten.

Endlager oder Fundgrube?


Das Kunstarchiv Beeskow im Museum für Utopie und Alltag bewahrt Kunst der früheren DDR.

Im vierten Jahr nach der deutschen Wiedervereinigung und der Beerdigung des kleinen Staates mit der übergroßen Utopie kam es in Sachen DDR-Auftragskunst zunächst zu einer pragmatischen Teilung eine s riesigen Bilderberges. Eine Zuordnung in Nord und Süd. Als Sondervermögen gingen Massen von Kunst zunächst an die Treuhand, aber ab 1993 wurde die Kunst nach dem Fundortprinzip Eigentum der jeweiligen neuen Bundesländer. Alles, was volkseigene Betriebe, Kombinate, Massenorganisationen, Parteien und Staatsorgane an Kunst gefördert und gesammelt hatten, was in Ferienheimen und Klubhäusern hing und stand, landete nach dem gewaltigen Abwicklungsprozedere der Treuhand ab 1993 auf zwei großen Sammelplätzen: abgehängt, abgebaut - und aus dem öffentlichen Blickfeld genommen.

DDR-Auftragskunstproduktion aus Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern gelangte auf die Burg Beeskow im Landkreis Oder-Spree. Für dieses Asyl hatte Herbert Schirmer, Historiker und letzter Kulturminister der DDR bis zum Tagesanbruch des 3.Oktobers 1990, weitsichtig gesorgt. Die Kunstmengen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen kam ebenfalls in historische Gemäuer - auf die Festung Königstein im Elbsandsteingebirge. Dafür setzten sich Kunstwissenschaftler der TU Dresden ein, etwa der Historiker Paul Kaiser. So entstanden der Kunstfonds des Freistaates Sachsen und das Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR.

Drei Jahrzehnte später reicht ein Tagestrip kaum aus, um in Augenschein zu nehmen, was allein in Beeskow, dem Ort für Kunst aus Berlin, Brandenburg und Meck-Pom, wie der östliche Norden im Volksmund heißt, lagert: mindestens 23.000 Kunstobjekte – von großen und kleinen Gemälden,  Druckgrafik-Mappen und Plastiken bis hin zu großen Büsten und Wandteppichen.

DDR-Kunst und -Kulturgeschichte als Lernort

Viele Jahre musste für deren Bewahrung ein alter Speicher dienen. Für Ausstellungen wurde Gewünschtes mühevoll hervorgekramt. Vor knapp fünf Jahren zog das Kunstarchiv glücklicherweise in ein ehemaliges Schulgebäude mit hohen Wänden gleich hinter der alten Burg Beeskow um. Der Umbau kostete Land und Landkreis 300.000 Euro; Letzterer übernahm dann die Trägerschaft.

Seither dient der Ort mit herausziehbaren Metallrollwänden, Regalen und Mappenschränken - wie in jedem modernen Kunstdepot - pragmatisch und sehr lebendig als offenes Depot, als eine Art Schaulager – Fundgrube für zahllose Möglichkeiten der Wissensvermittlung - und des Dialogs zwischen Ost- und West-Kunst. Blödsinn also, despektierlich von einem "Endlager" für die Kunst aus der DDR-Zeit zu sprechen. Führungen werden lebhaft genutzt, Studioausstellungen und Podien gut besucht. Studenten, Doktoranden, Historiker und Ausstellungsmacher melden sich an; wissenschaftliches Arbeiten gehört zum Alltag, ebenso ein Stipendiaten-Programm. Museen, Galerien, Institute leihen Werke aus.

Das Interesse an DDR-Kunst ist wieder da. Das spürt die Leiterin der Instanz, die Medienwissenschaftlerin und Kulturmanagerin Andrea Wieloch, deutlich. Seit gut einem Jahr im Amt, sieht sie das Kunstarchiv in Beeskow und das Museum Utopie und Alltag im gut 27 Kilometer Luftlinie entfernten Eisenhüttenstadt, sozusagen im Doppelpack, als wichtigen – und notwendigen – Lernort: "Die DDR-Geschichte ist wichtig, um die Gegenwart zu verstehen."

Es sieht auch so aus, als sei der fatale deutsch-deutsche Bilderstreit seit 1990 (freie West-Kunst versus ideologisierte, unfreie Ost-Kunst) endlich beerdigt. Zumindest schleptt die junge Generation der Kunstschaffenden, der Kuratoren und des Publikums dieses (ideologische) Brett vorm Kopf schon lange nicht mehr mit sich herum und erweist sich als eher neugierig und aufgeschlossen.

Das Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR

Der Bogen nach Eisenhüttenstadt, einst als "Stalinstadt" und Vorzeigestadt der sozialistischen Stahlkocher-Industrie am Reißbrett entstanden, lässt sich leicht spannen. Im Beeskower Depot lagert ein Bleiglasmosaik von Walter Womacka, Maler des berühmten Paares "Am Strand", dessen Repro in fast jedem DDR-Jugendzimmer hing. Lustige, harmonische Bleiglasfenster-Szenen von spielenden Kindern und Blumenornamenten zieren auch das Foyer und den Treppenaufgang des Doku-Zentrums in Eisenhüttenstadt, denn das Haus war einst eine Kinderkrippe. Jetzt ziehen sich durch seine Räume und Gänge Bilderwände, Dokumentationen zur Stadt und zum Alltag an sich, Video-Monitore, Wandvitrinen. Die Besucher entdecken hier sinnfällig erklärte alltägliche Dinge: Konsumgüter ebenso wie bescheidene Luxusgegenstände, Modebekleidung, Arbeitskluft, Geschirr, Spielzeug, Kosmetik, einst begehrten Mopeds (wie das Simson-Kultmoped "Schwalbe"), Kofferradios, begehrte Tesla-Tonbandgeräte - und sie finden sogar den Bug eines Paddelbootes namens "Randfichte". Dieses Sammelsurium, diese Mischung von Trivialem und vom Hinein-Träumen in eine größere Welt mag kurios anmuten - lehrreich und zugleich unterhaltsam ist das Ganze zweifellos.

Zugleich zeigt das Museum ständig Sonderausstellungen von Gegenwartskünstlern etwa zum Klimawandel. Und man erfährt die Legende von der einstigen Antarktis-Station der DDR namens Georg Forster, deren Wissenschaftler bis zur endgültigen Schließung 1993 völlig abgehängt von den Ereignissen in der fernen Heimat zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung buchstäblich ziellos zwischen ihren Geräten und Apparaturen im Eis ausharrten.

Bewahren, erforschen und sachlich bewerten

Zurück zur Kunst im Beeskower Depot. Wie mit diesem Erbe des "Sozialistischen Realismus" umgehen? In den 1990-er-Jahren meinten manche Leute - Georg Baselitz hatte mit seinem "Arschloch"-Schimpf zur DDR-Kunst gerade noch Öl ins Feuer gegossen - das sei keine Kunst, das müsse weg. 1994 warnte jedoch die Historikerin Monika Flacke vom Deutschen Historischen Museum in der Süddeutschen Zeitung vor
ein em Verdikt gewarnt: "Es besteht die Gefahr, dass sich die Mauer im Kopf festigt statt auflöst." Sie mahnte, die (zumeist figürliche, gegenständliche) Kunst aus dem Osten sei schließlich Teil der deutschen Nachkriegs- und Teilungsgeschichte.

Die Basis des Kunstarchivs Beeskow ist also: bewahren, erforschen, sachlich bewerten, gerade, wenn es um Vergleiche mit der Kunst des Westens geht. Und bisweilen findet, wer sucht, richtige Schätze. So schlummerten im DDR-Kunstarchiv Beeskow Mappenwerke von Künstlerinnen aus später DDR-Zeit im Dornröschenschlaf vor sich hin: Malerei, Papierarbeiten, Fotografie. Ein einziges Mal waren sie
zu sehen - im Wende-November 1989 in einer Dresdner Galerie: die Mappen-Edition "Silberblick". Sie war entstanden ohne staatliche Druckgenehmigung, unabhängig von Institutionen, ohne offiziellen Auftrag. Das subversive Projekt war Teil des subkulturellen Aufbruch
willens, der sich nicht vor aller Öffentlichkeit vollzog, sondern in sogenannten Samisdat-Zeitschriften (Eigeneditionen), in Berliner, Dresdner, Leipziger Ateliers und Galerie-Hinterzimmern, an privaten Wohnzimmer- und Küchentischen. Und bei illegalen Aktionen auf der Straße.

Im letzten Jahr stöberte die aus Karlsruhe stammende Ostkreuzfotografin Sibylle Fendt im Kunstarchiv, und zwar als erste Stipendiatin der Institution. Sie durchforstete die "Silberblick"-Mappen, entdeckte auf den Blättern die Namen bekannter Künstlerinnen wie Tina Bara, Petra Flierl, Sabina Grzimek, Heidrun Hegewald, Sabine Herrmann, Carin Kreuzberg, Barbara Raetsch, Erika Stürmer-Alex und Helga Paris. Fendt suchte sie alle auf und fotografierte diese Frauen. – So schuf sie eine aktuelle Fortsetzung zu 1989, verweisend auf das Kunstarchiv Beeskow und all die Kunstgeschichten, die dort erzählt werden, auch über den Trotz und den Eigenwillen der Künstlerinnen und Künstler im vormundschaftlichen Staat.

Wer sich vor Ort hinein-sieht, sich vertieft in dieses 1990 noch so ungeliebte Erbe, hat alsbald viele Beispiele dafür vor Augen, dass das obrigkeitliche Diktieren von Inhalt und Form nur bedingt gelang. Deshalb, weil in der DDR, auch unter den Argusaugen der Kulturwächter, die Kunst gerade auch in der meisterschaftlichen Nutzung von Meta-Ebenen und Metaphern bestand.


Weitere Beiträge aus unserer Reihe "West-Ost-Begegnungen" finden Sie hier:

Teil 1: Jens Peter Koerver: Der Osten im Westen im Osten - Eine niederländische Ausstellung zur Kunst Ostdeutschlands vor und nach 1989
Teil 2: Christoph Tannert: Zeit war reichlich vorhaben - Die Brüder Lippok und die Subkultur der 1980er Jahre in der DDR
Teil 3: Wolfgang Ullrich: Überraschende Verwandtschaften - Der deutsch-deutsche Bilderstreit in der Rückschau
Teil 4: Freya Dieckmann: Freistaat der Kunst - Das Leonhardi Museum in Dresden und seine Rolle für die ostdeutsche Kunst
Teil 5: Luise Wolf: "Ich lehne es ab, positiv in die DDR zurückzuschauen." Andrea Pichl zeigt ab Herbst im Hamburger Bahnhof in Berlin eine Einzelausstellung – als erste Künstlerin aus der ehemaligen DDR.